Friedrich Nietzsche über den "starken guten" Charakter

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Friedrich Nietzsche über den "starken guten" Charakter

Beitrag von expat » Mo 10. Mai 2010, 12:14

196 Menschliches, Allzumenschliches I

228.
Der starke, gute Charakter.-Die Gebundenheit der Ansichten, durch Gewöhnung zum Instinct geworden, führt zu dem, was man Charakterstärke nennt. Wenn Jemand aus wenigen, aber immer aus den gleichen Motiven handelt, so erlangen seine Handlungen eine grosse Energie; stehen diese Handlungen im Einklange mit den Grundsätzen der gebundenen Geister, so werden sie anerkannt und erzeugen nebenbei in Dem, der sie thut, die Empfindung des guten Gewissens. Wenige Motive, energisches Handeln und gutes Gewissen machen Das aus, was man Charakterstärke nennt. Dem Charakterstarken fehlt die Kenntniss der vielen Möglichkeiten und Richtungen des Handelns; sein Intellect ist unfrei, gebunden, weil er ihm in einem gegebenen Falle vielleicht nur zwei Möglichkeiten zeigt; zwischen diesen muss er jetzt gemäss seiner ganzen Natur mit Nothwendigkeit wählen, und er thut diess leicht und schnell, weil er nicht zwischen fünfzig Möglichkeiten zu wählen hat. Die erziehende Umgebung will jeden Menschen unfrei machen, indem sie ihm immer die geringste Zahl von Möglichkeiten vor Augen stellt. Das Individuum wird von seinen Erziehern behandelt, als ob es zwar etwas Neues sei, aber eine Wiederholung werden solle. Erscheint der Mensch zunächst als etwas Unbekanntes, nie Dagewesenes, so soll er zu etwas Bekanntem, Dagewesenem gemacht werden. Einen guten Charakter nennt man an einem Kinde das Sichtbarwerden der Gebundenheit durch das Dagewesene; indem das Knd sch auf die Seite der gebundenen Geister stellt, bekundet es zuerst seinen erwachenden Gemeinsinn; auf der Grundlage dieses Gemeinsinns aber wird es später seinem Staate oder Stande nützlich.
Einer Legende nach sollten die Schweizer Bürger einen Hut des Diktators Gessler so grüßen als sei er es selbst. Schiller machte aus dem Stoff sein Drama "Wilhelm Tell". Eine solche Funktion hat der Erlass, der freien Bürgern ohne sinnvollen Grund einen Maulkorb anlegt, der nach Expertenmeinungen ihre Gesundheit schädigt.

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Re: Friedrich Nietzsche über den "starken guten" Charakter

Beitrag von expat » Fr 14. Mai 2010, 09:09

Und bei Rousseau sinngemäß:
Alles ist gut durch die Natur und wird verdorben durch die Geselllschaft.
Der hatte schon eine Ahnung von Neurose. Aber ist Neurose nicht letzlich
auch ein Teil der Natur?
Einer Legende nach sollten die Schweizer Bürger einen Hut des Diktators Gessler so grüßen als sei er es selbst. Schiller machte aus dem Stoff sein Drama "Wilhelm Tell". Eine solche Funktion hat der Erlass, der freien Bürgern ohne sinnvollen Grund einen Maulkorb anlegt, der nach Expertenmeinungen ihre Gesundheit schädigt.

Somprit

Re: Friedrich Nietzsche über den "starken guten" Charakter

Beitrag von Somprit » Sa 15. Mai 2010, 10:41

... ist nicht ein Jeder im gewissen Maße von einer "Neurose" gezeichnet :denk: .... selbst wenn es eine abgefahrenes "Profil" -Neurose sein sollte :smilmod_9:

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Re: Friedrich Nietzsche über den "starken guten" Charakter

Beitrag von expat » So 16. Mai 2010, 19:19

Die Ueberlebensstrategie der menschlichen Rasse ist die Neurose.
Einer Legende nach sollten die Schweizer Bürger einen Hut des Diktators Gessler so grüßen als sei er es selbst. Schiller machte aus dem Stoff sein Drama "Wilhelm Tell". Eine solche Funktion hat der Erlass, der freien Bürgern ohne sinnvollen Grund einen Maulkorb anlegt, der nach Expertenmeinungen ihre Gesundheit schädigt.

Somprit

Re: Friedrich Nietzsche über den "starken guten" Charakter

Beitrag von Somprit » Mo 17. Mai 2010, 11:03

... des Nietzsches "starken guten Charakter" bringe ich mal auf folgenden vereinfachten Nenner: Das Ziel ist der Weg, den ich beschreiten muss um meinem Ego Genüge zu tun, ohne Rücksicht der auf der Strecke bleibenden Kollateralschäden ... erst komme ICH (!) ... Charakter...(?) :smilmod_9: :Shy: ... ist Nebensache, Luxus pur.... :pst:

... jetzt bin ich mal auf Reaktionen gespannt :wink:

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Re: Friedrich Nietzsche über den "starken guten" Charakter

Beitrag von expat » Di 18. Mai 2010, 13:58

Somprit hat geschrieben:
... jetzt bin ich mal auf Reaktionen gespannt :wink:
An dieser Stelle kann ich es ja mal anbringen, nämlich dass ihr in der nächsten Zeit etwas auf meine Reaktionen verzichten müsst, weil ich nämlich nunmehr in Deutschland bin ohne festen Internetanschluss.
Das erste Mal in 12 Jahren, dass ich das Land des Lächselns bewusst mit Freude verlassen habe. Zu sehr verlogen erscheint mir gerade jetzt da alles.
Nietzsche geht es wohl eher darum aufzuzeigen, wie sehr die Gesellschaften danach streben, alle gleich zu machen und darunter gerade Bildung und Charakterstärke zu sehen.
Einer Legende nach sollten die Schweizer Bürger einen Hut des Diktators Gessler so grüßen als sei er es selbst. Schiller machte aus dem Stoff sein Drama "Wilhelm Tell". Eine solche Funktion hat der Erlass, der freien Bürgern ohne sinnvollen Grund einen Maulkorb anlegt, der nach Expertenmeinungen ihre Gesundheit schädigt.

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