Goethes Gottesbild

Antworten
Benutzeravatar
expat
Verwalter
Beiträge: 2679
Registriert: Mi 15. Aug 2007, 19:57
Wohnort: Pattaya
Kontaktdaten:

Goethes Gottesbild

Beitrag von expat » Di 2. Nov 2010, 12:45

Einfach ist er nicht zu verstehen, unser großer Dichterfürst, und besonders seine Lyrik, also seine Gedichte, entziehen sich oft dem Verstande, weil sie eben auch gefühlt werden wollen. Gar mancher wird also unter dem folgenden Gedicht etwas anderes erkennen als ich zum Beispiel. Und mancheiner auch wird sich und uns sagen, aber das hing doch bei uns in der Küche. Ja ja, das mag sein, aber das Gedicht geht ja weiter, und da wird es spannend, jedenfalls für mich:


Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut!
Denn das allein
Unterscheidet ihn
Von allen Wesen,
die wir kennen.

Heil den unbekannten
höhern Wesen, die wir ahnen!
Ihnen gleiche der Mensch;
Sein Beispiel lehr uns,
Jene glauben.

Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös’ und Gute,
und dem Verbrecher
glänzen, wie dem Besten,
der Mond und die Sterne.

Wind und Ströme,
Donner und Hagel
Rauschen ihren Weg
Und ergreifen
Vorübereilend
Einen um den Anderen.

Auch so das Glück:
Tappt unter die Menge,
Fasst bald des Knaben
Lockige Unschuld,
bald auch den kahlen
schuldigen Scheitel.

Nach ewigen, ehrnen,
großen Gesetzen
müssen wir alle
unseres Daseins
Kreise vollenden.

Nur allein der Mensch
Vermag das Unmögliche;
Er unterscheidet,
wählet und richtet;
Er kann dem Augenblick
Dauer verleihen.

Er allein darf
Den Guten lohnen,
den Bösen strafen,
Heilen und retten,
Alles Irrende, Schweifende
Nützlich verbinden.

Und wir verehren
Die Unsterblichen,
als wären sie Menschen,
täten im Großen,
was der Beste im Kleinen
tut oder möchte.

Der edle Mensch
Sei hilfreich und gut!
Unermüdet schafft er,
das Nützliche, Rechte,
sei uns ein Vorbild
jener geahnten Wesen!
Einer Legende nach sollten die Schweizer Bürger einen Hut des Diktators Gessler so grüßen als sei er es selbst. Schiller machte aus dem Stoff sein Drama "Wilhelm Tell". Eine solche Funktion hat der Erlass, der freien Bürgern ohne sinnvollen Grund einen Maulkorb anlegt, der nach Expertenmeinungen ihre Gesundheit schädigt.

Benutzeravatar
expat
Verwalter
Beiträge: 2679
Registriert: Mi 15. Aug 2007, 19:57
Wohnort: Pattaya
Kontaktdaten:

Re: Goethes Gottesbild

Beitrag von expat » Di 2. Nov 2010, 16:03

http://kulab.square7.ch/viewtopic.php?f=38&t=754

Abgesehen davon, dass seine Aussage über die Natur - die ganze Natur - kein Vergleich ist, nehme ich an, dass Goethe die Beziehung von Mensch zu Tier durchaus kannte. Wäre es aber ein Vergleich, so ist ja duchaus bekannt, dass Vergleiche immer nur in der Beziehung stimmen, wie sie benutzt werden. Für Lyrik muss man schon anders gestrickt sein als der Henk offensichtlich. Ich hatte ja gleich gewarnt oben.
.....und besonders seine Lyrik, also seine Gedichte, entziehen sich oft dem Verstande, weil sie eben auch gefühlt werden wollen.
Einer Legende nach sollten die Schweizer Bürger einen Hut des Diktators Gessler so grüßen als sei er es selbst. Schiller machte aus dem Stoff sein Drama "Wilhelm Tell". Eine solche Funktion hat der Erlass, der freien Bürgern ohne sinnvollen Grund einen Maulkorb anlegt, der nach Expertenmeinungen ihre Gesundheit schädigt.

Antworten